Wie geht's mit dem deutschen Wald weiter?

Wie geht's mit dem deutschen Wald weiter?

Ein Gespräch mit Michelle Sundermann vom Landesforstamt Hessen

von Tanita Steckel

Foto: Privat

Der Klimawandel ist in vollem Gange, daran gibt es keinen Zweifel mehr. Hitze und langanhaltende Trockenheit sind nur eine Folge davon. Und das wirkt sich auch auf unsere heimischen Wälder aus. Wir wollten deshalb wissen: Wie geht’s den Bäumen in Deutschland? Und wie geht's weiter?

Die studierte Forstwissenschaftlerin und Pressesprecherin des Landesforstamts Hessen, Michelle Sundermann, stand uns dafür Rede und Antwort.  Heute geht es weiter mit Teil 2 unseres Gesprächs. Falls ihr letzte Woche den ersten Teil verpasst habt, könnt ihr ihn hier nochmal nachlesen.


Frau Sundermann, welche Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren im hessischen Wald beobachtet?

Die durch den Klimawandel bedingten Witterungsextreme der vergangenen drei Jahre setzen den meisten Waldbäumen nachhaltig zu. Die Bäume sind anfälliger gegenüber biotischen Schaderregern wie beispielsweise dem Borkenkäfer.  Viele zeigen deutliche Krankheitssymptome, z.B. lichte Kronen, oder sterben ab. Durch die Trockenheit in den vergangenen Vegetationsperioden hat die Anzahl der Waldbrände zugenommen.

Die Fichte als „Brotbaum der Forstwirtschaft“ leidet besonders. Vielerorts fällt sie aus und muss durch besser an den Klimawandel angepasste Baumarten ersetzt werden. Besonders besorgniserregend sind die in den letzten beiden Jahren auftretenden, durch Dürre und Hitze verursachten Schäden an der Rotbuche. Die heimische Klimaxbaumart Buche, in deren Hauptverbreitungsgebiet Hessen liegt, lässt vor allem in älteren Beständen deutliche Absterbeerscheinungen erkennen. Zusammen mit der Fichte prägte sie bisher einen Großteil unserer Waldbilder.

In weiten Teilen des hessischen Waldes finden derzeit klimabedingt Veränderungen in Ausmaßen statt, die wir so nicht kannten. Binnen weniger Jahre verändert sich der Wald wie im Zeitraffer. Mit den Folgen des Klimawandels war zu rechnen, aber nicht damit, dass sie in diesem rasanten Tempo Realität werden.

Wie sieht Ihre Prognose für die kommenden Jahre aus?

Unserem Wald geht es schlecht. Wie sich sein Gesundheitszustand weiter entwickelt hängt stark vom Klima ab. Die neu entstandenen, großen Freiflächen klimaangepasst wiederzubewalden stellt eine echte Herausforderung dar, bietet jedoch zugleich die Chance nicht standortangepasste Monokulturen in stabilen Mischwald umzuwandeln.

Aktuell pflanzen wir viele junge Bäumchen verschiedener Arten auf den entstandenen Freiflächen. Dabei berücksichtigen wir Daten aus Rechenmodellen für unser zukünftiges Klima. Schließlich sollen die Bäumchen, die wir heute pflanzen, hundert und mehr Jahre an ihrem Standort überleben und wachsen.

Um für die Zukunft bestmöglich bewaldet zu sein, streben wir Mischbestände mit vier und mehr Baumarten an. Fällt eine Baumart aus irgendeinem Grund aus, verbleibt immer noch Wald auf den Böden und schützt diese. Die Waldfunktionen bleiben nachhaltig gesichert.

Viele der gegenwärtig absterbenden Bäume haben zuvor Samen ausgebildet, die auf den Flächen keimen. Die entstehenden Bäumchen, sogenannte Naturverjüngung, pflegen wir und ergänzen sie ggf. mit weiteren Baumarten.

Unser Wald braucht in den kommenden Jahren viel Aufmerksamkeit und Pflege. Sowohl der Wiederbewaldung der Freiflächen, als auch der Pflege junger Waldbestände kommt eine große Bedeutung zu. Da wir hier die Stabilität und Widerstandskraft unserer zukünftigen Wälder maßgeblich und nachhaltig beeinflussen können.

Und woran erkenne ich einen stabilen, gesunden Baum?

Da gibt es ein paar Merkmale, auf die man achten sollte:

Photo by Markus Spiske on Unsplash
  1. Der Baum steht gerade. Der Boden um den Stammfuß herum ist fest.
  2. Die Rinde des Baumes zeigt keine Risse oder Beulen, sie liegt fest an und blättert nicht ab. Sie lässt keine Einbohrlöcher von Insekten erkennen.
  3. Die Krone ist gut ausgebildet, d.h. sie hat intakte Äste, die an ihren Enden im belaubten bzw. benadelten Zustand viele gesunde Blätter bzw. Nadeln ausbilden.
  4. Es lassen sich keine trockenen Äste in der grünen Krone erkennen. Weder Äste noch Kronenteile sind ab- oder aus der Krone herausgebrochen.

 

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Wie kann man Rücksicht auf die Natur nehmen, wenn man draußen unterwegs ist? 

Im Wald sollte man sich immer nur auf ausgewiesenen Wegen bewegen. Das gilt sowohl fürs Wandern als auch Reiten oder Klettern. Der Vorteil: Die Gefahr durch Zecken und Eichenprozessionsspinner sind auf den Wegen niedriger als offroad. Auto-, Quad- und Motorradfahrten sind im Wald generell tabu. Und wenn ein Weg gesperrt ist, dann sollte man das auch akzeptieren. Sie schützen die Waldbesucher vor möglichen Gefahren. Das gilt auch für ausgewiesene Naturschutzgebiete. Vor allem dort - aber natürlich auch überall sonst im Wald - gilt es außerdem, die Wildtiere nicht zu stören. Deshalb bitte Lärm vermeiden und den eigenen Hund an der Leine führen.

Grundsätzlich sollte man den Wald so verlassen, wie man ihn selbst vorfinden möchte. Das heißt: Keinen Müll hinterlassen, Waldbrände vermeiden - also nicht Grillen oder Rauchen - und Wildpflanzen nicht abpflücken. Bitte auch nicht im Wald zelten. 

Und nicht zuletzt: Nehmt Rücksicht auf andere Waldbesucher:innen!

Frau Sundermann, wir danken Ihnen vielmals für das aufschlussreiche Gespräch!


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Es gibt ein paar Fragen, die wir öfter hören als andere. Eine der häufigsten: “Kann man eigentlich in einer Hängematte auch schlafen?” Und damit ist nicht der Powernap gemeint, der ursprünglich nur 20 Minuten dauern sollte. Es soll nämlich Menschen geben, die ihr Bett durch eine Hängematte ersetzen.